„Der unsichtbare Kriegsschauplatz – Wie der Ukraine-Krieg das Klima belastet“
Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat unzählige Leben gekostet, Millionen Menschen in die Flucht getrieben, Städte und Dörfer zerstört – doch seine Folgen gehen weit über das Sichtbare hinaus. Was sich kaum jemand vorstellt: Dieser Krieg verursacht auch eine gigantische Klimabelastung, die langfristig nicht nur die Ukraine betrifft, sondern globale Auswirkungen hat.
Während sich die Welt auf Emissionsreduktionen, Energiewende und Klimaziele konzentriert, wirkt dieser Krieg wie ein Brandbeschleuniger für die Klimakrise. Die CO₂-Bilanz ist erschreckend – und sie wächst mit jedem Tag, an dem der Krieg andauert.
Krieg und Klima – eine unheilvolle Allianz
Dass Kriege schlecht für Menschen, Umwelt und Stabilität sind, ist keine neue Erkenntnis. Doch die systematische Erfassung von Kriegsemissionen ist bislang selten geschehen. Die Ukraine wagt nun etwas Neues: Mit wissenschaftlicher Unterstützung hat sie erstmals detailliert berechnet, wie viel CO₂ der russische Angriff bislang verursacht hat.
Das Ergebnis ist alarmierend: Über 120 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente wurden seit Beginn des Krieges im Februar 2022 freigesetzt. Bis 2023 könnte dieser Wert auf mehr als 200 Millionen Tonnen steigen. Zum Vergleich: Das entspricht etwa den jährlichen Emissionen von Ländern wie Belgien oder Schweden – ausgelöst allein durch einen Krieg.
Woher stammen diese Emissionen?
Die CO₂-Bilanz des Krieges ist das Ergebnis vieler Faktoren – direkte wie indirekte. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die im Auftrag des ukrainischen Umweltministeriums arbeiteten, unterteilen die Quellen in fünf Hauptkategorien:
1. Militärische Emissionen durch Kampfhandlungen
Die unmittelbarsten Emissionen stammen von der militärischen Maschinerie: Panzer, Flugzeuge, Raketen, Schiffe – sie alle verbrauchen immense Mengen fossiler Treibstoffe. Bei jedem Angriff werden tonnenweise Treibhausgase in die Atmosphäre geblasen. Allein diese Kategorie schlägt mit etwa 51,6 Millionen Tonnen CO₂ zu Buche.
Auch die Zerstörung militärischer Ziele und Infrastruktur setzt CO₂ frei, etwa durch Explosionen oder durch das Abbrennen von Treibstofflagern.
2. Brände – insbesondere von Wäldern und Industrieanlagen
Der Krieg hat zahlreiche grossflächige Brände ausgelöst, sowohl in Wäldern als auch in Industriegebieten. Das Jahr 2022 war das waldbrandreichste in der Geschichte der Ukraine – rund 23.000 Brände wurden registriert. Durch die dabei freigesetzten Rauch- und Schadstoffe stieg der CO₂-Ausstoß allein in diesem Bereich auf etwa 17 Millionen Tonnen.
3. Zerstörung von Infrastruktur
Der Wiederaufbau zerstörter Gebäude, Strassen, Energieanlagen und Industriekomplexe wird nicht nur Jahre dauern, sondern auch gewaltige Mengen Emissionen verursachen. Für Zement, Stahl, Baustoffe und Transportmittel wird Energie benötigt – zumeist noch fossil. Dieser künftige CO₂-Ausstoß wurde konservativ auf 80 Millionen Tonnen geschätzt – nur für den Wiederaufbau.
4. Flucht und Vertreibung
Der Krieg hat Millionen Menschen zur Flucht gezwungen – innerhalb der Ukraine, aber auch in andere Länder. Jede Fluchtbewegung ist mit Transport, Unterkunft und Energieverbrauch verbunden. Auch diese Emissionen wurden erfasst und machen mehrere Millionen Tonnen aus.
5. Wirtschaftlicher Umbruch und Energieverlagerung
Ein oft übersehener Faktor: Der Krieg hat auch die Energiepolitik verändert – sowohl in der Ukraine als auch global. Kohlekraftwerke wurden wieder hochgefahren, weil Gasleitungen zerstört oder blockiert waren. Heizungen liefen mit Diesel statt Fernwärme. Auch dieser kurzfristige Rückfall in fossile Energie schlägt sich in der Bilanz nieder.
Klimakosten in Euro
Die Gesamtemissionen des Krieges wurden nicht nur in Tonnen CO₂ berechnet, sondern auch in Euro umgerechnet. Grundlage dafür ist der sogenannte „Social Cost of Carbon“, also die geschätzten gesellschaftlichen Kosten, die pro Tonne CO₂ entstehen (durch Extremwetter, Ernteausfälle, Gesundheitskosten etc.).
Die Berechnungen kommen auf eine Summe von über 10 Milliarden Euro, die der Ukraine allein durch die klimaschädlichen Auswirkungen des Krieges entstanden sind – ein ökologischer und ökonomischer Schaden, der in herkömmlichen Reparationen bislang kaum berücksichtigt wird.
Forderungen nach Klimareparationen
Die ukrainische Regierung will das ändern. Sie fordert von Russland nicht nur Reparationszahlungen für zerstörte Infrastruktur und Kriegsverbrechen, sondern auch Klimareparationen. Die CO₂-Bilanz ist dabei ein starkes Argument. „Wer Krieg führt, muss auch für die Klima- und Umweltschäden Verantwortung übernehmen“, so das ukrainische Umweltministerium.
Völkerrechtlich ist das ein neues Feld, aber nicht ohne Präzedenz. In der Vergangenheit gab es ähnliche Forderungen nach dem Golfkrieg oder nach Umweltkatastrophen. Der Begriff „Ökozid“ – also Umweltzerstörung als Verbrechen – wird mittlerweile auf internationaler Ebene diskutiert.
Krieg als Klimabremse weltweit
Der Ukraine-Krieg wirkt sich aber nicht nur auf die Emissionsbilanz des Landes aus. Auch global betrachtet hat der Konflikt Rückschläge für den Klimaschutz bedeutet:
- Erhöhte Nachfrage nach Kohle, Öl und Gas, weil viele Länder kurzfristig neue Energiequellen suchten
- Verzögerung bei der Energiewende, weil Investitionen in Erneuerbare zeitweise verschoben wurden
- Steigende Rüstungsbudgets, die finanzielle Mittel für Klima- und Umweltpolitik verringern
Laut einem Bericht des Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) werden die weltweiten Rüstungsausgaben infolge des Krieges voraussichtlich weiter steigen – ein fataler Trend für das Klima.
Die ökologische Dimension des Krieges – lange vernachlässigt
Dass Kriege Umweltschäden anrichten, ist nicht neu – doch selten werden diese Schäden systematisch dokumentiert. Die Ukraine geht mit ihrer CO₂-Bilanzierung einen wegweisenden Schritt. Auch internationale Klimaforscher loben die Initiative: Sie könnte zum Modellfall für künftige Konflikte werden – und ein weiterer Hebel für globale Klimagerechtigkeit sein.
Was bedeutet das für uns?
Auch in der Schweiz, in Deutschland und ganz Europa sollten wir diesen Krieg nicht nur als geopolitisches und humanitäres Desaster betrachten, sondern auch als Klimabremse mit globaler Wirkung. Denn:
- Der zusätzliche CO₂-Ausstoß heizt die Atmosphäre weiter auf.
- Die Folgen spüren wir alle: mehr Extremwetter, höhere Kosten, grössere Umweltrisiken.
- Der Wiederaufbau wird Jahre dauern – und noch mehr Ressourcen verschlingen.
Was wir tun können:
- Klimaschutz auch in Krisenzeiten priorisieren
- Flüchtlingshilfe nachhaltig gestalten
- Den Wiederaufbau grün planen
- Politischen Druck für Klimareparationen erhöhen
- Kriegsverursacher auch für Umweltschäden haftbar machen
Fazit: Der stille Klimakrieg
Die Bilder aus der Ukraine zeigen zerstörte Städte, weinende Menschen, brennende Häuser. Was sie nicht zeigen: Die unsichtbare Verwüstung der Atmosphäre. Der CO₂-Ausstoß des Krieges ist ein weiterer Schlag gegen das globale Klima – und damit gegen uns alle.
Frieden ist nicht nur ein humanitäres, sondern auch ein ökologisches Ziel.
Die Ukraine hat mit der CO₂-Bilanz des Krieges ein starkes Zeichen gesetzt. Es liegt an der Weltgemeinschaft, daraus Konsequenzen zu ziehen – politisch, juristisch und moralisch.